BU-Versicherung erklärt Anfechtung – Was tun?
Ihre Berufsunfähigkeitsversicherung ficht den Vertrag an und verweigert die Leistung? Erfahren Sie, welche Rechte Sie haben und wie Sie sich erfolgreich wehren können.
Der Schock sitzt tief: Sie haben jahrelang Beiträge gezahlt, sind nun berufsunfähig – und die Versicherung erklärt die Anfechtung des Vertrags. Statt der erhofften BU-Rente erhalten Sie ein Schreiben, das Ihnen vorwirft, bei Vertragsschluss falsche Angaben gemacht zu haben.
In diesem Artikel erfahren Sie, was eine Anfechtung bedeutet, wann sie rechtmäßig ist und wie Sie sich erfolgreich dagegen wehren können. Denn: Nicht jede Anfechtung hält einer rechtlichen Prüfung stand.
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1. Was bedeutet Anfechtung der BU-Versicherung?
Die Anfechtung ist das schärfste Schwert, das einer Versicherung zur Verfügung steht. Anders als beim Rücktritt wird bei einer erfolgreichen Anfechtung der Vertrag so behandelt, als hätte er nie existiert. Die Folgen sind drastisch: Sie verlieren nicht nur den Versicherungsschutz, sondern in der Regel auch alle bereits gezahlten Beiträge.
Die Versicherung behauptet mit der Anfechtung, dass Sie sie bei Vertragsschluss arglistig getäuscht haben. Das bedeutet: Sie sollen bewusst und gewollt falsche Angaben gemacht haben, um den Versicherungsschutz zu erschleichen. Diese Behauptung wiegt schwer – und muss von der Versicherung bewiesen werden.
⚖️ Rechtlicher Hintergrund
Die Anfechtung wegen arglistiger Täuschung ist in § 123 BGB geregelt. Für eine wirksame Anfechtung muss die Versicherung nachweisen, dass Sie bei der Beantwortung der Gesundheitsfragen vorsätzlich falsche Angaben gemacht haben – mit dem Ziel, die Versicherung zum Vertragsschluss zu bewegen. Bloßes Vergessen oder fahrlässige Falschangaben reichen für eine Anfechtung nicht aus.
Die Hürde für eine wirksame Anfechtung ist hoch. Die Versicherung muss beweisen, dass Sie nicht nur falsche Angaben gemacht haben, sondern dies auch vorsätzlich und in Täuschungsabsicht getan haben. In der Praxis scheitern viele Anfechtungen an genau diesem Nachweis. Denn zwischen bewusstem Verschweigen und schlichtem Vergessen liegt ein großer Unterschied.
📋 Beispiel aus der Praxis
Situation: Ein Mandant hatte bei Vertragsschluss eine Jahre zurückliegende psychotherapeutische Behandlung nicht angegeben. Als er wegen Burnout berufsunfähig wurde, erklärte die Versicherung die Anfechtung wegen arglistiger Täuschung.
Lösung: Wir konnten nachweisen, dass unser Mandant die Behandlung schlicht vergessen hatte – sie lag über acht Jahre zurück und umfasste nur wenige Sitzungen. Die Anfechtung war unwirksam, da keine Arglist vorlag. Die Versicherung musste zahlen.
2. Unterschied: Anfechtung vs. Rücktritt
Viele Betroffene verwechseln Anfechtung und Rücktritt. Beide Rechtsinstitute ermöglichen es der Versicherung, sich vom Vertrag zu lösen – aber unter völlig unterschiedlichen Voraussetzungen und mit unterschiedlichen Folgen.

🔍 Vergleich: Anfechtung vs. Rücktritt
Anfechtung (§ 123 BGB)
• Voraussetzung: Arglistige Täuschung
• Frist: 10 Jahre ab Vertragsschluss
• Folge: Vertrag war nie wirksam
• Beiträge: Meist kein Erstattungsanspruch
Rücktritt (§ 19 VVG)
• Voraussetzung: Anzeigepflichtverletzung
• Frist: 3-5 Jahre ab Vertragsschluss
• Folge: Vertrag wird aufgehoben
• Beiträge: Teilweise Erstattung möglich
Der entscheidende Unterschied liegt in der Beweislast und den Voraussetzungen. Für eine Anfechtung muss die Versicherung nachweisen, dass Sie vorsätzlich und in Täuschungsabsicht gehandelt haben. Beim Rücktritt genügt bereits eine fahrlässige Verletzung der Anzeigepflicht – die Versicherung muss aber auch hier beweisen, dass Sie Fragen falsch beantwortet haben.
⚠️ Wichtig zu wissen
Versicherungen erklären manchmal vorsorglich beides: Anfechtung und Rücktritt. Das ist zulässig. Im Streitfall wird dann geprüft, welche Voraussetzungen tatsächlich vorliegen. Oftmals scheitert die Anfechtung am Nachweis der Arglist – dann bleibt nur der Rücktritt, der aber an engere Fristen gebunden ist.
⚖️ Rechtlicher Hintergrund
Nach § 21 VVG ist ein Rücktritt ausgeschlossen, wenn seit Abgabe der Vertragserklärung des Versicherungsnehmers mehr als drei Jahre vergangen sind – es sei denn, die Anzeigepflicht wurde vorsätzlich oder arglistig verletzt. Bei der Anfechtung wegen Arglist gilt hingegen eine Frist von zehn Jahren (§ 124 BGB). Das macht die Anfechtung für Versicherungen auch bei älteren Verträgen attraktiv.
3. Typische Gründe für eine Anfechtung
Die Anfechtung knüpft immer an Angaben an, die Sie bei Vertragsschluss gemacht haben – typischerweise bei der Beantwortung der Gesundheitsfragen im Antrag. Die Versicherung behauptet, dass Sie relevante Vorerkrankungen verschwiegen oder Behandlungen nicht angegeben haben.
Die Gesundheitsfragen in BU-Anträgen sind oft komplex formuliert und fragen nach unterschiedlichen Zeiträumen. Typische Fragestellungen betreffen Arztbesuche, Behandlungen, Krankschreibungen oder Medikamenteneinnahmen der letzten fünf bis zehn Jahre. Hier passieren häufig Fehler – die aber nicht automatisch eine Anfechtung rechtfertigen.
🎯 Häufige Anfechtungsgründe der Versicherungen
Psychische Vorerkrankungen: Nicht angegebene Psychotherapien, Depressionen, Burnout-Behandlungen oder Angststörungen – auch wenn sie Jahre zurückliegen.
Rückenbeschwerden: Verschwiegene Behandlungen wegen Rückenschmerzen, Bandscheibenvorfällen oder orthopädischen Problemen.
Medikamenteneinnahme: Regelmäßige Einnahme von Medikamenten, die nicht angegeben wurde – etwa Antidepressiva oder Schmerzmittel.
Krankschreibungen: Längere Arbeitsunfähigkeitszeiten, die im Fragebogen nicht erwähnt wurden.
Ambulante Behandlungen: Arztbesuche wegen verschiedener Beschwerden, die als nicht relevant eingestuft und daher nicht angegeben wurden.
Besonders häufig geht es um psychische Erkrankungen. Viele Versicherte geben Psychotherapien oder psychiatrische Behandlungen nicht an – sei es aus Scham, sei es weil sie die Behandlung für abgeschlossen und irrelevant halten. Wenn dann eine Berufsunfähigkeit wegen psychischer Leiden eintritt, prüft die Versicherung die Krankenakte besonders genau.
💡 Praxis-Tipp
Nicht jede verschwiegene Vorerkrankung rechtfertigt eine Anfechtung. Die Versicherung muss beweisen, dass Sie die Erkrankung kannten und bewusst verschwiegen haben. Wenn Sie sich an einen Arztbesuch vor Jahren schlicht nicht mehr erinnern konnten, liegt keine Arglist vor. Dokumentieren Sie daher genau, warum Sie bestimmte Angaben nicht gemacht haben.
4. Fristen: Wann ist die Anfechtung noch möglich?
Die Frage der Fristen ist bei der Anfechtung oft entscheidend. Denn auch wenn die Versicherung einen Anfechtungsgrund hätte, kann sie diesen nicht unbegrenzt geltend machen. Es gelten verschiedene Fristen, die Sie kennen sollten.

⚖️ Rechtlicher Hintergrund: Die wichtigsten Fristen
Für die Anfechtung wegen arglistiger Täuschung gelten nach § 124 BGB folgende Fristen:
• 10-Jahres-Frist: Die Anfechtung ist ausgeschlossen, wenn seit Abgabe der Vertragserklärung zehn Jahre vergangen sind.
• 1-Jahres-Frist: Die Anfechtung muss innerhalb eines Jahres erfolgen, nachdem die Versicherung von der Täuschung Kenntnis erlangt hat.
In der Praxis bedeutet das: Besteht Ihr BU-Vertrag seit mehr als zehn Jahren, ist eine Anfechtung grundsätzlich ausgeschlossen – unabhängig davon, ob tatsächlich falsche Angaben gemacht wurden. Diese absolute Frist schützt Sie vor einer späten Aufrollung längst vergangener Sachverhalte.
Die 1-Jahres-Frist ab Kenntnis wird oft übersehen. Die Versicherung muss die Anfechtung innerhalb eines Jahres erklären, nachdem sie von der angeblichen Täuschung erfahren hat. Hat die Versicherung beispielsweise bei einer früheren Leistungsprüfung bereits Kenntnis von einer verschwiegenen Vorerkrankung erlangt und die Anfechtung nicht erklärt, kann sie dies später nicht nachholen.
⚠️ Wichtig: Auch Sie haben Fristen!
Wenn die Versicherung die Anfechtung erklärt, sollten Sie zeitnah reagieren. Zwar gibt es keine starre Klagefrist, aber je länger Sie warten, desto schwieriger wird die Beweisführung. Außerdem können Ihre Ansprüche auf die BU-Rente verjähren. Handeln Sie daher schnell und lassen Sie die Anfechtung unverzüglich prüfen.
✓ Checkliste: Fristenprüfung bei Anfechtung
5. Ihre Rechte bei einer Anfechtung
Auch wenn die Versicherung die Anfechtung erklärt, bedeutet das nicht, dass Sie machtlos sind. Sie haben wichtige Rechte, die Sie kennen und nutzen sollten. Die Anfechtung ist keine endgültige Entscheidung – sie muss rechtlich wirksam sein.
✓ Ihre wichtigsten Rechte im Überblick
Das wichtigste Recht ist die Beweislastverteilung. Die Versicherung muss beweisen, dass Sie arglistig getäuscht haben. Das umfasst zwei Elemente: Erstens, dass Sie objektiv falsche Angaben gemacht haben. Zweitens, dass Sie dies vorsätzlich und mit Täuschungsabsicht getan haben. Gerade der zweite Punkt ist für die Versicherung oft schwer nachzuweisen.
⚖️ Rechtlicher Hintergrund
Nach ständiger Rechtsprechung des BGH liegt Arglist nur vor, wenn der Versicherungsnehmer die Unrichtigkeit seiner Angaben kannte und zugleich wusste oder damit rechnete, dass die Versicherung bei Kenntnis der wahren Sachlage den Vertrag nicht oder nicht zu diesen Bedingungen abgeschlossen hätte. Bloßes Vergessen oder ein Irrtum über die Anzeigepflicht begründen keine Arglist.
Ein weiteres wichtiges Recht: Sie können verlangen, dass die Versicherung konkret darlegt, welche Angaben falsch gewesen sein sollen und woraus sie auf Ihre Arglist schließt. Pauschale Behauptungen genügen nicht. Die Versicherung muss Ihnen ermöglichen, sich substanziiert zu verteidigen.
6. Erfolgreiche Verteidigungsstrategien
Eine Anfechtung ist nicht das Ende. Mit der richtigen Strategie können Sie sich erfolgreich wehren. In unserer langjährigen Praxis haben wir verschiedene Ansatzpunkte identifiziert, die regelmäßig zum Erfolg führen.
🎯 Erfolgreiche Verteidigungsansätze
Keine Arglist nachweisbar: Sie haben die Erkrankung vergessen, falsch eingeschätzt oder die Frage anders verstanden. Ohne Vorsatz keine Anfechtung.
Frage war unklar formuliert: Die Gesundheitsfragen waren missverständlich, sodass Ihre Antwort nach dem objektiven Empfängerhorizont nicht falsch war.
Fristen versäumt: Die 10-Jahres-Frist oder die 1-Jahres-Frist ab Kenntnis ist abgelaufen.
Keine Relevanz für Vertragsentscheidung: Die verschwiegene Erkrankung war so geringfügig, dass sie die Vertragsentscheidung nicht beeinflusst hätte.
Vermittlerverschulden: Ein Versicherungsvermittler hat Sie falsch beraten oder Angaben nicht korrekt aufgenommen.
Ein besonders wichtiger Ansatzpunkt ist das Vermittlerverschulden. Wenn ein Versicherungsvertreter oder Makler den Antrag mit Ihnen ausgefüllt hat, können dessen Fehler der Versicherung zugerechnet werden. Hat der Vermittler Ihnen geraten, bestimmte Erkrankungen nicht anzugeben, oder hat er Ihre Angaben nicht korrekt aufgenommen, kann die Anfechtung unwirksam sein.
💡 Praxis-Tipp
Rekonstruieren Sie genau, wie der Versicherungsantrag ausgefüllt wurde. Wer hat die Gesundheitsfragen vorgelesen? Wer hat die Antworten eingetragen? Wurden Sie über die Bedeutung der Fragen aufgeklärt? Diese Informationen können entscheidend sein. Sichern Sie auch alle Unterlagen aus der damaligen Zeit – Beratungsprotokolle, Korrespondenz, Notizen.
Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Formulierung der Gesundheitsfragen. Viele Fragen sind unklar formuliert oder verwenden Begriffe, die unterschiedlich verstanden werden können. Wenn eine Frage nach „Behandlungen” fragt und Sie einen einmaligen Arztbesuch nicht angegeben haben, kann argumentiert werden, dass ein einzelner Besuch keine „Behandlung” im Sinne der Frage darstellt.
📋 Beispiel aus der Praxis
Situation: Eine Mandantin hatte bei Vertragsschluss angegeben, keine psychischen Erkrankungen zu haben. Jahre später stellte sich heraus, dass sie einmal beim Hausarzt wegen Schlafproblemen war und ein leichtes Beruhigungsmittel verschrieben bekommen hatte.
Lösung: Wir argumentierten erfolgreich, dass Schlafprobleme keine „psychische Erkrankung” im landläufigen Sinne sind und die Mandantin die Frage daher nicht falsch verstanden hatte. Die Anfechtung wurde zurückgenommen.
7. Warum anwaltliche Unterstützung entscheidend ist
Die Anfechtung einer BU-Versicherung ist ein komplexes rechtliches Thema mit weitreichenden Folgen. Es geht nicht nur um die aktuelle Leistung, sondern oft um Ihre gesamte finanzielle Absicherung für die Zukunft. Ein Fehler in der Verteidigung kann Sie teuer zu stehen kommen.
Die Versicherung verfügt über spezialisierte Juristen und standardisierte Prozesse. Sie wissen genau, wie sie eine Anfechtung formulieren müssen und welche Beweise sie benötigen. Als Einzelperson stehen Sie diesem Apparat oft hilflos gegenüber. Ein spezialisierter Anwalt gleicht dieses Ungleichgewicht aus.
✓ Vorteile anwaltlicher Vertretung bei Anfechtung
Bei BU-Streitigkeiten geht es oft um erhebliche Summen. Eine monatliche BU-Rente von 2.000 Euro summiert sich über die verbleibende Versicherungsdauer auf mehrere hunderttausend Euro. Die Kosten für anwaltliche Vertretung stehen in keinem Verhältnis zu diesen potenziellen Verlusten.
💡 Praxis-Tipp
Prüfen Sie Ihre Rechtsschutzversicherung. Viele Policen decken Streitigkeiten aus Versicherungsverträgen ab. In diesem Fall übernimmt die Rechtsschutzversicherung die Anwalts- und Gerichtskosten. Achten Sie aber auf mögliche Wartezeiten und Selbstbeteiligungen. Ohne Rechtsschutz ist unter Umständen Prozesskostenhilfe möglich.
8. Zusammenfassung und Handlungsempfehlungen
Eine Anfechtung Ihrer BU-Versicherung ist ein schwerwiegender Eingriff in Ihre finanzielle Absicherung. Doch Sie sind nicht machtlos. Mit dem richtigen Wissen und professioneller Unterstützung können Sie sich erfolgreich wehren – denn nicht jede Anfechtung ist rechtlich wirksam.
Die wichtigsten Punkte im Überblick:
⚠️ Handeln Sie jetzt!
Wenn Sie ein Anfechtungsschreiben erhalten haben, sollten Sie keine Zeit verlieren. Lassen Sie die Anfechtung umgehend von einem spezialisierten Anwalt prüfen. Je früher Sie reagieren, desto besser sind Ihre Chancen, die Anfechtung abzuwehren und Ihren Versicherungsschutz zu erhalten.
Ein spezialisierter Anwalt für Versicherungsrecht kann Ihre Situation einschätzen, die Erfolgsaussichten realistisch bewerten und die notwendigen Schritte einleiten. Bei einer Anfechtung, wo es um Ihre gesamte BU-Absicherung geht, ist professionelle Unterstützung keine Option, sondern eine Notwendigkeit.
⚖️ Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine individuelle Rechtsberatung. Jeder Fall ist unterschiedlich und erfordert eine genaue Prüfung der Umstände. Kontaktieren Sie uns für eine kostenlose Erstberatung zu Ihrem konkreten Fall.
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